Hinter dem Wasserfall
Elfen-Trilogie von Oliver Jungjohann

Leseprobe Band 2

Herausgeber und Copyright: © 2016 by Oliver Jungjohann, Bochum. Alle Rechte vorbehalten.
Das Geheimnis der Night Sky
Die Wasserfall-Trilogie Band II
In bleibender Erinnerung meiner kleinen Freundin Lucie gewidmet
Inhalt 1 Eine neue Spur 2 Planungen 3 Badetag 4 Toni, warum...? 5 In der Welt hinter dem Wasserfall 6 Die Lavahöhle 7 Nicht alles ist toll 8 Reitertage 9 Was ist mit Paulina? 10 Ihr tut mir weh 11 Ich weiß, was Liebe ist! 12 Abschied auf Zeit 13 Kleine und große Erfolge 14 Hilfe für Paulina 15 Neuigkeiten von der 'Night Sky' 16 Vorbereitungen 17 Wiedersehen nach dem Winter 18 Voltigieren und Kletterkurs 19 Wind und Liebe 20 Düne, Dusche, Geborgenheit 21 Aufgeflogen 22 Auf nach Italien! 23 Die Grotte 24 Katastrophe 25 Verbindungen
1 Eine neue Spur
Der   Geruch   alter   Bücher   wehte   Finja   entgegen,   als   sie   die   große   Eingangstür   öffnete.   Sie   konnte sich   nicht   mehr   erinnern,   wann   sie   zuletzt   hier   gewesen   war.   Finja   blieb   hinter   dem   Eingang   der Stadtbibliothek   stehen   und   sah   sich   etwas   hilflos   um.   Eine   ältere   Dame   mit   grauer   Pagenfrisur und   einer   Halbbrille,   die   an   einem   dünnen   Kettchen   hing,   saß   an   einem   langen   Tisch,   auf   dem zwei Bildschirme und einige Karteikästen standen. »Kann ich Ihnen helfen, junge Dame?«, fragte sie mit einer freundlichen, leisen Stimme. »Ich suche etwas über Höhlen in Italien, besonders an der Küste«, antwortete Finja. »Da   gibt   es   sicher   etwas   in   mehreren   Sachgebieten.   Als   Reiseinformation   im   Touristikbereich, oder   als   wissenschaftliches   Buch,   Naturkunde   oder   Geologie?   Welche   Informationen   suchen   Sie denn?« Finja   musste   sich   das   Grinsen   verkneifen,   dass   sie   gesiezt   wurde,   obwohl   sie   erst   zwölf   war. Aber   irgendwie   tat   es   gut   und   passte   zu   diesem   etwas   merkwürdigen,   alten   Gebäude,   hier schien die Zeit anders zu sein als sie es sonst im Alltag erlebte. »Ach,   ich   weiß   auch   noch   nicht   so   genau,   was   mir   da   weiterhelfen   kann.   Am   besten   sehe   ich   in allen Büchern nach, die Sie dazu haben«, antwortete sie. Die   Bibliothekarin   setzte   ihre   Brille   auf   die   Nasenspitze,   tippte   etwas   in   den   Computer   und notierte auf einem Karteikärtchen einige Buchstaben und Zahlen. Dann gab sie es Finja. »So,   bitte   sehr!   Sie   müssen   die   Treppe   herauf,   links   ist   dann   der   Geologiebereich,   an   dem   sich die   touristischen   Regale   anschließen.   Oben   ist   auch   eine   Mitarbeiterin,   die   hilft   Ihnen   bei   Fragen gerne weiter. Viel Erfolg!« »Danke!« Finja   folgte   der   geschwungenen   Treppe,   die   ein   altes,   verziertes   Holzgeländer   umgab. Auch   von außen   hatte   die   kleine   Bibliothek   den   Eindruck   eines   uralten   Gebäudes   erweckt,   aber   dennoch gut    erhalten.    Die    meterhohen    Regale,    an    denen    Finja    jetzt    vorbeiging,    waren    bis    obenhin vollgestopft   mit   Büchern   und   bildeten   schmale   Gassen,   in   denen   eine   dumpfe   Stille   jeden   Schritt auf   dem   Teppichboden   verschluckte.   Manche   Bücher   waren   so   groß,   wie   sie   es   noch   nie   gesehen hatte,   und   einige   dicke   Einbände   waren   mit   goldenen   Buchstaben   und   Ornamenten   verziert. Staunend    ließ    Finja    ihre    Hand    über    die    Buchrücken    gleiten,    als    sie    langsam    durch    die Regalreihen   ging.   Sie   zog   eines   der   großen   Bücher   mit   goldener   Schrift   aus   dem   Regal   und schlug   es   auf.   Das   gelbliche   Papier   machte   ein   knartschendes   Geräusch,   ein   salzig-süßlicher Geruch   kam   aus   dem   geöffneten   Buch.   In   altdeutscher   Schrift,   die   Finja   nur   mühsam   lesen konnte, war ein Bericht über Rom und das Umland verfasst. Wie   aus   einer   anderen   Zeit,   dachte   sie   und   bekam   das   Gefühl,   dass   die   alte   Bibliothek   eine Schatzgrube   voller   Geheimnisse   war,   wenn   man   nur   genau   wüsste,   wo   man   suchen   sollte.   Die stundenlange    Suche    im    Internet    hatte    sie    irgendwann    mit    einem    Frustgefühl    beendet,    weil ständig   irgendwelche   doofen   Seiten   kamen,   die   auch   wirklich   gar   nichts   mit   dem   zu   tun   hatten, was   sie   als   Suche   eingegeben   hatte.   Computer   und   Internet   waren   ja   ganz   gut,   aber   das   hier   war jetzt   etwas   ganz   Besonderes,   spürte   Finja   und   bedauerte   es,   nicht   öfter   mal   hierhin   gegangen   zu sein. Sie zog ein paar Bücher aus einem der Regale, die auf dem Karteikärtchen gelistet waren. »Küsten   Italiens...   Strände...   hier:   Höhlen   und   Grotten«,   murmelte   Finja   vor   sich   hin.   Mit   drei Büchern unterm Arm ging sie zu einem kleinen Tischchen, an dem bereits ein anderes Mädchen   saß und ganz vertieft in einem Buch las, ohne zu Finja aufzublicken, als sie sich setzte. Finja   suchte   im   Inhaltsverzeichnis   nach   einem   bestimmten   Küstenabschnitt   in   der   Nähe   von Foggia,   an   der   Ostküste   Italiens.   Sie   hoffte,   dass   sie   in   dem   Buch   weitere   Hinweise   zu   dem großen   Rätsel   finden   würde,   das   sie   seit   der   Entdeckung   der   Elfenwelt   hinter   dem   Wasserfall   zu lösen   versuchte.   In   Gedanken   setzte   sie   jetzt   noch   einmal   alle   Puzzlestücke   zusammen,   die   sie hatte. In   einem   Italienurlaub   bei   Foggia   hatte   sie   vor   längerer   Zeit   ein   morsches   Holzstück   mit   einem Messingschild   darauf   am   Strand   gefunden,   mit   dem   eingravierten   Namen   'E.   Jefferson'.   Es   war wie   ein   Stück   einer   Schatztruhe.   Dann   hatten   sie   und   ihr   Bruder   Aaron   in   diesem   Jahr   kurz   vor den   Sommerferien   durch   einen   Zufall   die   Strudelpforte   am   kleinen   Waldsee   entdeckt,   durch   die sie   in   eine   andere   Welt   gestürzt   waren,   die   Welt   hinter   dem   Wasserfall.   Die   Elfen,   die   dort lebten,   hatten   von   einer   zweiten   Pforte   an   einer   anderen   Stelle   erzählt,   durch   die   irgendwann vor   langer   Zeit   ein   Schiff   herunterfiel   und   zerbrach,   kein   Mensch   darauf   hätte   überlebt,   so   die Sage.   Dann   hatte   sich   Finja   im   Sommer   zu   ihrem   zwölften   Geburtstag   von   ihren   Freundinnen ein   Buch   über   rätselhafte   Schiffsunglücke   gewünscht,   in   dem   es   um   verschwundene   Schiffe ging,   die   es   wirklich   gab.   Zum   Glück   hatten   ihre   Freundinnen   so   ein   Buch   tatsächlich   gefunden, ohne    dabei    zu    ahnen,    dass    Finja    nach    einem    Hinweis    auf    das    nächste    Geheimnis    der Wasserfallwelt    suchte,    sie    waren    ja    noch    nicht    in    die    Existenz    dieser    besonderen    Welt eingeweiht.   In   dem   Buch   'Schiffsunglücke:   Mythen   und   Fakten'   hatte   sie   Hinweise   auf   einen scheinbar   unbedeutenden   Vorfall   gefunden.   Ein   englisches   Forschungsschiff   war   1873   bei   einem Sturm   vor   der   Küste   Italiens   verschollen.   Augenzeugen   hätten   berichtet,   dass   das   kleine   Schiff mit   dem   Namen   'Night   Sky'   an   einem   Felsen,   der   direkt   vor   der   Küste   aus   dem   Meer   ragte,   im Sturm   zerschellte   und   sofort   unterging.   Merkwürdigerweise   hatte   niemand   jemals   irgendeinen Überrest     des     Schiffes     oder     der     Besatzung     entdeckt.     Nichts,     einfach     gar     nichts,     selbst Tauchexpeditionen    hatten    keine    Reste    gefunden.    Deswegen    glaubte    man    den   Augenzeugen nicht so sehr, die davon sprachen, dass das Schiff an diesem Felsen zerbrach und dort unterging. Als   Finja   in   den   Sommerferien   in   dem   Buch   diese   Geschichte   gelesen   und   festgestellt   hatte,   dass der   Unglücksort   nahe   an   dem   Bereich   lag,   wo   sie   das   Stück   Holz   mit   dem   englischen   Namen gefunden   hatte,   war   sie   wie   elektrisiert   und   hatte   sich   im   Internet   müde   gesucht   nach   einem Hinweis   auf   den   Namen   'Jefferson'   und   dem   Schiffsunglück.   Sie   hatte   nichts   gefunden,   vielleicht war    die    Forschungsreise    einfach    zu    unbedeutend.    Im    Buch    stand,    dass    es    eine    kleine Forschergruppe   zur   Untersuchung   der   Meerestiere   in   Küstennähe   gewesen   sei.   Aber   die   'Night Sky'   hatte   immerhin   eine   ganz   besondere   Aufgabe:   Sie   sollte   die   Küstenbereiche   bei   Nacht erforschen,   um   nachtaktive   Tiere   in   ihrem   Lebensraum   zu   studieren.   Und   in   einer   dieser   Nächte ist   das   Schiff   dann   verschollen.   Eine   richtige   Schatztruhe   mit   Goldstücken   konnte   man   sicher nicht   erwarten,   zu   der   das   Holzstück   dann   möglicherweise   gehörte,   das   jetzt   in   Finjas   Zimmer im Fischernetz mit den Muscheln, Seesternen und Steinen hing. Finja   hielt   es   für   möglich,   dass   an   diesem   Ort   in   Italien   auch   so   eine   Strudelpforte   mit   Wasserfall war,   die   sich   durch   irgendein   Ereignis   genauso   öffnete   wie   in   dem   kleinen   Waldsee,   und   dass dadurch   das   Schiff   hinuntergestürzt   war.   Bei Aaron   und   ihr   hatte   ein   blau   leuchtender   Pilzstaub dafür   gesorgt,   dass   sich   die   Pforte   öffnete,   es   war   der   Lebensstaub   für   die   Wasserfallwelt,   wie   sie später   wussten.   Und   es   gab   einen   besonderen   Vogel   in   dieser   Elfenwelt,   den   'Traumwanderer', der   einen   roten   Blütenstaub   in   regelmäßigen   Abständen   zu   den   Pilzen   brachte   und   dazu   die Pforte    mit    dem    Blütenstaub    öffnete.    Durch    den   Austausch    des    Staubes    lebte    die    Elfenwelt weiter.   Vielleicht   gab   es   woanders   nicht   nur   eine   zweite   Pforte,   sondern   auch   einen   zweiten Traumwanderer,   und   nicht   nur   eine   einzige   Blüte   und   einen   einzigen   so   besonderen   Vogel,   wie die   Elfen   gesagt   hatten.   Vielleicht   war   es   ja   sogar   der   gleiche   Vogel,   der   mal   die   andere   Pforte aus   irgendeinem   Grund   mit   dem   Staub   im   Schnabel   öffnete   und   hindurchflog,   und   damit   für das   Unglück   des   Schiffes   gesorgt   hatte.   Jedenfalls   kam   Finja   dem   Rätsel   Schritt   für   Schritt   auf die Spur, wie sie glaubte. Dumm,   dass   sie   und   ihr   Bruder   nicht   ihre   Freundeskreise   um   Mithilfe   bitten   konnten.   Die   Welt hinter   dem   Wasserfall   war   so   faszinierend,   dass   sich   Finjas   Freundinnen   bestimmt   verplappern würden    in    ihrer    Aufregung,    und    dann    wäre    es    vorbei    mit    dieser    herrlichen    Ruhe    in    der friedlichen   Welt   der   Elfen,   dann   würden   viele   Menschen   kommen   wollen.   Und   die   Freunde   von Aaron   würden   das   unter   Garantie   nicht   für   sich   behalten   können,   da   war   sich   Finja   sicher.   Die Viertklässler   wären   dafür   bestimmt   zu   jung,   so   etwas   geschickt   zu   verheimlichen.   Aaron   hatte sich   mal   beschwert,   dass   Finja   ihren   Freund   Toni   in   das   Geheimnis   einweihen   konnte,   Aaron aber   seinem   eigenen   Freund   Sam   nichts   erzählen   durfte.   Finja   hatte   aber   zurecht   argumentiert, dass   Toni   genug   Verantwortungsbewusstsein   hätte   und   schließlich   vierzehn   Jahre   alt   war,   und außerdem    musste    Toni    durch    seine    Mithilfe    ja    dafür    sorgen,    dass    der    zwischenzeitlich gefangene   Traumwanderer   wieder   befreit   werden   konnte   und   zurück   in   seine   Welt   flog,   um   sie damit vor dem Verdorren zu retten. Ein    weiteres    Puzzlestück,    wie    sich    Finja    jetzt    erinnerte,    war    eine    Sage    der    Elfen,    dass    es geheimnisvolle   Höhlen   gäbe,   in   denen   roter,   heißer   Stein   gewesen   sei,   der   zu   einem   schwarz- grünen   Gestein   geworden   war.   Lavagestein,   wie   Aaron   meinte.   Finja   hatte   so   ein   Bauchgefühl, dass   so   ein   Höhlensystem,   von   dem   die   Sage   sprach,   eine   unterirdische   Verbindung   zu   ihrer eigenen, normalen Welt sein könnte. […Ende des Auszugs aus Kapitel 1]
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Hinter dem Wasserfall
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Leseprobe Band 2

Herausgeber und Copyright: © 2016 by Oliver Jungjohann, Bochum. Alle Rechte vorbehalten.
Das Geheimnis der Night Sky
Die Wasserfall-Trilogie Band II
In bleibender Erinnerung meiner kleinen Freundin Lucie gewidmet
Inhalt 1 Eine neue Spur 7 2 Planungen 17 3 Badetag 31 4 Toni, warum...? 41 5 In der Welt hinter dem Wasserfall 51 6 Die Lavahöhle 63 7 Nicht alles ist toll 77 8 Reitertage 89 9 Was ist mit Paulina? 107 10 Ihr tut mir weh 117 11 Ich weiß, was Liebe ist! 125 12 Abschied auf Zeit 135 13 Kleine und große Erfolge 155 14 Hilfe für Paulina 169 15 Neuigkeiten von der 'Night Sky' 181 16 Vorbereitungen 189 17 Wiedersehen nach dem Winter 203 18 Voltigieren und Kletterkurs 213 19 Wind und Liebe 223 20 Düne, Dusche, Geborgenheit 243 21 Aufgeflogen 255 22 Auf nach Italien! 269 23 Die Grotte 287 24 Katastrophe 299 25 Verbindungen 311
1 Eine neue Spur
Der   Geruch   alter   Bücher   wehte   Finja   entgegen,   als   sie   die große    Eingangstür    öffnete.    Sie    konnte    sich    nicht    mehr erinnern,    wann    sie    zuletzt    hier    gewesen    war.    Finja    blieb hinter   dem   Eingang   der   Stadtbibliothek   stehen   und   sah   sich etwas   hilflos   um.   Eine   ältere   Dame   mit   grauer   Pagenfrisur und   einer   Halbbrille,   die   an   einem   dünnen   Kettchen   hing, saß   an   einem   langen   Tisch,   auf   dem   zwei   Bildschirme   und einige Karteikästen standen. »Kann   ich   Ihnen   helfen,   junge   Dame?«,   fragte   sie   mit   einer freundlichen, leisen Stimme. »Ich   suche   etwas   über   Höhlen   in   Italien,   besonders   an   der Küste«, antwortete Finja. »Da    gibt    es    sicher    etwas    in    mehreren    Sachgebieten.    Als Reiseinformation         im         Touristikbereich,         oder         als wissenschaftliches      Buch,      Naturkunde      oder      Geologie? Welche Informationen suchen Sie denn?« Finja   musste   sich   das   Grinsen   verkneifen,   dass   sie   gesiezt wurde,   obwohl   sie   erst   zwölf   war. Aber   irgendwie   tat   es   gut und   passte   zu   diesem   etwas   merkwürdigen,   alten   Gebäude, hier   schien   die   Zeit   anders   zu   sein   als   sie   es   sonst   im   Alltag erlebte. »Ach,    ich    weiß    auch    noch    nicht    so    genau,    was    mir    da weiterhelfen    kann.   Am    besten    sehe    ich    in    allen    Büchern nach, die Sie dazu haben«, antwortete sie. Die    Bibliothekarin    setzte    ihre    Brille    auf    die    Nasenspitze, tippte    etwas    in    den    Computer    und    notierte    auf    einem Karteikärtchen   einige   Buchstaben   und   Zahlen.   Dann   gab   sie es Finja. »So,   bitte   sehr!   Sie   müssen   die   Treppe   herauf,   links   ist   dann der   Geologiebereich,   an   dem   sich   die   touristischen   Regale anschließen.    Oben    ist    auch    eine    Mitarbeiterin,    die    hilft Ihnen bei Fragen gerne weiter. Viel Erfolg!« »Danke!« Finja    folgte    der    geschwungenen    Treppe,    die    ein    altes, verziertes   Holzgeländer   umgab.   Auch   von   außen   hatte   die kleine    Bibliothek    den    Eindruck    eines    uralten    Gebäudes erweckt,     aber     dennoch     gut     erhalten.     Die     meterhohen Regale,   an   denen   Finja   jetzt   vorbeiging,   waren   bis   obenhin vollgestopft   mit   Büchern   und   bildeten   schmale   Gassen,   in denen      eine      dumpfe      Stille      jeden      Schritt      auf      dem Teppichboden   verschluckte.   Manche   Bücher   waren   so   groß, wie    sie    es    noch    nie    gesehen    hatte,    und    einige    dicke Einbände   waren   mit   goldenen   Buchstaben   und   Ornamenten verziert.   Staunend   ließ   Finja   ihre   Hand   über   die   Buchrücken gleiten,   als   sie   langsam   durch   die   Regalreihen   ging.   Sie   zog eines   der   großen   Bücher   mit   goldener   Schrift   aus   dem   Regal und     schlug     es     auf.     Das     gelbliche     Papier     machte     ein knartschendes   Geräusch,   ein   salzig-süßlicher   Geruch   kam aus   dem   geöffneten   Buch.   In   altdeutscher   Schrift,   die   Finja nur   mühsam   lesen   konnte,   war   ein   Bericht   über   Rom   und das Umland verfasst. Wie    aus    einer    anderen    Zeit,    dachte    sie    und    bekam    das Gefühl,    dass    die    alte    Bibliothek    eine    Schatzgrube    voller Geheimnisse   war,   wenn   man   nur   genau   wüsste,   wo   man suchen   sollte.   Die   stundenlange   Suche   im   Internet   hatte   sie irgendwann    mit    einem    Frustgefühl    beendet,    weil    ständig irgendwelche   doofen   Seiten   kamen,   die   auch   wirklich   gar nichts   mit   dem   zu   tun   hatten,   was   sie   als   Suche   eingegeben hatte.   Computer   und   Internet   waren   ja   ganz   gut,   aber   das hier    war    jetzt    etwas    ganz    Besonderes,    spürte    Finja    und bedauerte   es,   nicht   öfter   mal   hierhin   gegangen   zu   sein.   Sie zog   ein   paar   Bücher   aus   einem   der   Regale,   die   auf   dem Karteikärtchen gelistet waren. »Küsten    Italiens...    Strände...    hier:    Höhlen    und    Grotten«, murmelte   Finja   vor   sich   hin.   Mit   drei   Büchern   unterm   Arm ging   sie   zu   einem   kleinen   Tischchen,   an   dem   bereits   ein anderes Mädchen   saß    und    ganz    vertieft    in    einem    Buch    las,    ohne    zu    Finja aufzublicken, als sie sich setzte. Finja   suchte   im   Inhaltsverzeichnis   nach   einem   bestimmten Küstenabschnitt   in   der   Nähe   von   Foggia,   an   der   Ostküste Italiens.   Sie   hoffte,   dass   sie   in   dem   Buch   weitere   Hinweise zu    dem    großen    Rätsel    finden    würde,    das    sie    seit    der Entdeckung   der   Elfenwelt   hinter   dem   Wasserfall   zu   lösen versuchte.    In    Gedanken    setzte    sie    jetzt    noch    einmal    alle Puzzlestücke zusammen, die sie hatte. In   einem   Italienurlaub   bei   Foggia   hatte   sie   vor   längerer   Zeit ein   morsches   Holzstück   mit   einem   Messingschild   darauf   am Strand     gefunden,     mit     dem     eingravierten     Namen     'E. Jefferson'.    Es    war    wie    ein    Stück    einer    Schatztruhe.    Dann hatten   sie   und   ihr   Bruder   Aaron   in   diesem   Jahr   kurz   vor den   Sommerferien   durch   einen   Zufall   die   Strudelpforte   am kleinen   Waldsee   entdeckt,   durch   die   sie   in   eine   andere   Welt gestürzt   waren,   die   Welt   hinter   dem   Wasserfall.   Die   Elfen, die   dort   lebten,   hatten   von   einer   zweiten   Pforte   an   einer anderen    Stelle    erzählt,    durch    die    irgendwann    vor    langer Zeit    ein    Schiff    herunterfiel    und    zerbrach,    kein    Mensch darauf   hätte   überlebt,   so   die   Sage.   Dann   hatte   sich   Finja   im Sommer      zu      ihrem      zwölften      Geburtstag      von      ihren Freundinnen    ein    Buch    über    rätselhafte    Schiffsunglücke gewünscht,   in   dem   es   um   verschwundene   Schiffe   ging,   die es   wirklich   gab.   Zum   Glück   hatten   ihre   Freundinnen   so   ein Buch   tatsächlich   gefunden,   ohne   dabei   zu   ahnen,   dass   Finja nach     einem     Hinweis     auf     das     nächste     Geheimnis     der Wasserfallwelt    suchte,    sie    waren    ja    noch    nicht    in    die Existenz   dieser   besonderen   Welt   eingeweiht.   In   dem   Buch 'Schiffsunglücke:    Mythen    und    Fakten'    hatte    sie    Hinweise auf   einen   scheinbar   unbedeutenden   Vorfall   gefunden.   Ein englisches   Forschungsschiff   war   1873   bei   einem   Sturm   vor der      Küste      Italiens      verschollen.      Augenzeugen      hätten berichtet,   dass   das   kleine   Schiff   mit   dem   Namen   'Night   Sky' an   einem   Felsen,   der   direkt   vor   der   Küste   aus   dem   Meer ragte,      im      Sturm      zerschellte      und      sofort      unterging. Merkwürdigerweise     hatte     niemand     jemals     irgendeinen Überrest   des   Schiffes   oder   der   Besatzung   entdeckt.   Nichts, einfach    gar    nichts,    selbst    Tauchexpeditionen    hatten    keine Reste   gefunden.   Deswegen   glaubte   man   den   Augenzeugen nicht   so   sehr,   die   davon   sprachen,   dass   das   Schiff   an   diesem Felsen zerbrach und dort unterging. Als     Finja     in     den     Sommerferien     in     dem     Buch     diese Geschichte      gelesen      und      festgestellt      hatte,      dass      der Unglücksort    nahe    an    dem    Bereich    lag,    wo    sie    das    Stück Holz   mit   dem   englischen   Namen   gefunden   hatte,   war   sie wie   elektrisiert   und   hatte   sich   im   Internet   müde   gesucht nach   einem   Hinweis   auf   den   Namen   'Jefferson'   und   dem Schiffsunglück.   Sie   hatte   nichts   gefunden,   vielleicht   war   die Forschungsreise   einfach   zu   unbedeutend.   Im   Buch   stand, dass   es   eine   kleine   Forschergruppe   zur   Untersuchung   der Meerestiere    in    Küstennähe    gewesen    sei.    Aber    die    'Night Sky'   hatte   immerhin   eine   ganz   besondere Aufgabe:   Sie   sollte die   Küstenbereiche   bei   Nacht   erforschen,   um   nachtaktive Tiere    in    ihrem    Lebensraum    zu    studieren.    Und    in    einer dieser   Nächte   ist   das   Schiff   dann   verschollen.   Eine   richtige Schatztruhe    mit    Goldstücken    konnte    man    sicher    nicht erwarten,     zu     der     das     Holzstück     dann     möglicherweise gehörte,   das   jetzt   in   Finjas   Zimmer   im   Fischernetz   mit   den Muscheln, Seesternen und Steinen hing. Finja   hielt   es   für   möglich,   dass   an   diesem   Ort   in   Italien   auch so    eine    Strudelpforte    mit    Wasserfall    war,    die    sich    durch irgendein    Ereignis    genauso    öffnete    wie    in    dem    kleinen Waldsee,   und   dass   dadurch   das   Schiff   hinuntergestürzt   war. Bei    Aaron    und    ihr    hatte    ein    blau    leuchtender    Pilzstaub dafür    gesorgt,    dass    sich    die    Pforte    öffnete,    es    war    der Lebensstaub   für   die   Wasserfallwelt,   wie   sie   später   wussten. Und   es   gab   einen   besonderen   Vogel   in   dieser   Elfenwelt,   den 'Traumwanderer',       der       einen       roten       Blütenstaub       in regelmäßigen   Abständen   zu   den   Pilzen   brachte   und   dazu die     Pforte     mit     dem     Blütenstaub     öffnete.     Durch     den Austausch   des   Staubes   lebte   die   Elfenwelt   weiter.   Vielleicht gab   es   woanders   nicht   nur   eine   zweite   Pforte,   sondern   auch einen   zweiten   Traumwanderer,   und   nicht   nur   eine   einzige Blüte    und    einen    einzigen    so    besonderen    Vogel,    wie    die Elfen   gesagt   hatten.   Vielleicht   war   es   ja   sogar   der   gleiche Vogel,   der   mal   die   andere   Pforte   aus   irgendeinem   Grund mit   dem   Staub   im   Schnabel   öffnete   und   hindurchflog,   und damit   für   das   Unglück   des   Schiffes   gesorgt   hatte.   Jedenfalls kam   Finja   dem   Rätsel   Schritt   für   Schritt   auf   die   Spur,   wie   sie glaubte. Dumm,   dass   sie   und   ihr   Bruder   nicht   ihre   Freundeskreise um   Mithilfe   bitten   konnten.   Die   Welt   hinter   dem   Wasserfall war   so   faszinierend,   dass   sich   Finjas   Freundinnen   bestimmt verplappern   würden   in   ihrer   Aufregung,   und   dann   wäre   es vorbei   mit   dieser   herrlichen   Ruhe   in   der   friedlichen   Welt der   Elfen,   dann   würden   viele   Menschen   kommen   wollen. Und   die   Freunde   von   Aaron   würden   das   unter   Garantie nicht   für   sich   behalten   können,   da   war   sich   Finja   sicher.   Die Viertklässler    wären    dafür    bestimmt    zu    jung,    so    etwas geschickt   zu   verheimlichen. Aaron   hatte   sich   mal   beschwert, dass   Finja   ihren   Freund   Toni   in   das   Geheimnis   einweihen konnte,    Aaron    aber    seinem    eigenen    Freund    Sam    nichts erzählen   durfte.   Finja   hatte   aber   zurecht   argumentiert,   dass Toni       genug       Verantwortungsbewusstsein       hätte       und schließlich   vierzehn   Jahre   alt   war,   und   außerdem   musste Toni     durch     seine     Mithilfe     ja     dafür     sorgen,     dass     der zwischenzeitlich   gefangene   Traumwanderer   wieder   befreit werden   konnte   und   zurück   in   seine   Welt   flog,   um   sie   damit vor dem Verdorren zu retten. Ein   weiteres   Puzzlestück,   wie   sich   Finja   jetzt   erinnerte,   war eine   Sage   der   Elfen,   dass   es   geheimnisvolle   Höhlen   gäbe,   in denen     roter,     heißer     Stein     gewesen     sei,     der     zu     einem schwarz-grünen    Gestein    geworden    war.    Lavagestein,    wie Aaron   meinte.   Finja   hatte   so   ein   Bauchgefühl,   dass   so   ein Höhlensystem,   von   dem   die   Sage   sprach,   eine   unterirdische Verbindung zu ihrer eigenen, normalen Welt sein könnte. […Ende des Auszugs aus Kapitel 1]  Auszug aus Kapitel 9 (”Was ist mit Paulina?”)  Auszug aus Kapitel 19 (”Wind und Liebe”)  Auszug aus Kapitel 24 (”Katastrophe”)
Kapitelbild 1 zu "Das Geheimnis der Night Sky"
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